Wenn Bauteile im Feld versagen, stehen Produktionsleiter und Einkäufer unter Druck. Besonders ärgerlich: Korrosionsschäden, die sich erst nach Monaten zeigen und auf eine ungeeignete Oberflächenbehandlung zurückzuführen sind. In dieser Case Study zeigen wir, wie ein mittelständischer Maschinenbauer aus dem Raum München ein hartnäckiges Korrosionsproblem an seinen Stahlgehäusen löste – durch eine systematische Analyse und die richtige Kombination von Oberflächentechnik-Verfahren. Die Namen wurden anonymisiert, die technischen Details entsprechen einem realen Projektverlauf.
Schlüssel-Erkenntnisse
- Oberflächenprobleme sind selten monokausaler Natur – oft spielen Werkstoff, Konstruktion, Vorbehandlung und Beschichtung zusammen.
- Eine systematische Fehleranalyse spart langfristig mehr als ein schneller Verfahrenswechsel.
- Die Kombination aus Strahlen und Pulverbeschichten löste ein Problem, das mit Nasslack allein nicht beherrschbar war.
- Die Vorbehandlung durch Beizen beseitigte Walzhaut und Zunder als Hauptursache für die Enthaftung.
- Die Umstellung senkte die Reklamationsrate von 12 % auf unter 0,5 % innerhalb eines Jahres.
- Die Stückkosten stiegen um 8 %, aber die Gesamtkosten (inkl. Reklamationen, Nacharbeit, Imageschäden) sanken um 35 %.
Ausgangssituation: Korrosion nach 6 Monaten im Feld
Die Firma „TechProGo“ (in diesem Zusammenhang erfunden), ein Hersteller von Industriegehäusen und Schaltschrankkomponenten mit ca. 120 Mitarbeitern, stellte fest, dass ihre Stahlgehäuse der Baureihe YX-400 nach durchschnittlich 6 Monaten im Ausseneinsatz erste Korrosionserscheinungen zeigten.
Die Symptome
- Rostblasen an Kanten und Schweissnähten
- Ablösung der Nasslackbeschichtung in Bereichen mit Wasseransammlung
- Unterrostung, die sich von Schnittkanten ausbreitete
- Reklamationsrate: 12 % innerhalb des ersten Jahres
Die bisherige Beschichtung
Die Gehäuse bestanden aus S235JR-Stahl (1,5–3 mm Blechdicke) und wurden wie folgt beschichtet:
1. Manuelle Entfettung mit Lösemittel
2. Grundierung: 2K-Epoxid-Grundlack, 30 µm
3. Decklack: 2K-Polyurethan, 40 µm
4. Trocknung: 4 Stunden bei Raumtemperatur
Gesamtschichtdicke: ca. 70 µm. Auf dem Papier ein solides System. In der Praxis: unzureichend.
Phase 1: Fehleranalyse
TechProGo wandte sich an unser Team für Oberflächentechnik in Brunnthal. Gemeinsam analysierten wir die zurückgesandten Bauteile und den gesamten Beschichtungsprozess.
Befunde der Laboranalyse
| Prüfung | Ergebnis | Bewertung |
|---|---|---|
| Schichtdickenmessung | 35–85 µm (stark schwankend) | Ungenügend – zu grosse Streuung |
| Gitterschnitt (DIN EN ISO 2409) | GT 3–4 (an Kanten GT 5) | Mangelhaft – unzureichende Haftung |
| Querschliff (Mikroskop) | Walzhaut unter der Grundierung sichtbar | Hauptursache identifiziert |
| Salzsprühnebeltest (Neuteile) | 120 h bis Unterrostung | Für Ausseneinsatz deutlich zu wenig |
Die Wurzel des Problems
Der Querschliff offenbarte das zentrale Problem: Unter der Grundierung befand sich eine Schicht Walzhaut (Zunder) – eine dunkle, spröde Eisenoxidschicht, die beim Warmwalzen des Stahls entsteht. Diese Walzhaut war:
- Schlecht haftend am Grundwerkstoff (löst sich unter Feuchtigkeit)
- Porös (Feuchtigkeit dringt durch)
- Nicht durch einfaches Entfetten entfernbar
Die Nasslackierung haftete zwar auf der Walzhaut, aber die Walzhaut selbst haftete nicht dauerhaft auf dem Stahl. Bei Temperaturwechseln und Feuchtigkeitseinwirkung löste sich die Walzhaut – und nahm die gesamte Beschichtung mit.
Zusätzliche Schwachstellen:
- Die manuelle Entfettung war nicht reproduzierbar
- An Kanten war die Schichtdicke systematisch zu gering (Kantenfluchteffekt bei Nasslack)
- Die Trocknungszeit bei Raumtemperatur führte zu unvollständiger Vernetzung bei niedrigen Temperaturen
Phase 2: Lösungsentwicklung
Basierend auf der Analyse entwickelten wir ein neues Beschichtungskonzept mit drei Kernmassnahmen:
Massnahme 1: Mechanische Vorbehandlung durch Strahlen
Die Walzhaut musste vollständig entfernt werden. Dafür wählten wir das Strahlen mit Korund (Aluminiumoxid, Körnung 0,3–0,5 mm) als Vorbehandlung:
- Ergebnis: Reinheitsgrad Sa 2½ nach DIN EN ISO 8501-1 (nahezu weisser metallischer Zustand)
- Oberflächenrauhigkeit: Ra 4–6 µm (ideal für Pulverlackhaftung)
- Prozesszeit: 8–12 Minuten pro Gehäuse
Das Strahlen entfernte nicht nur die Walzhaut, sondern auch Rost, Zunder und Verunreinigungen in einem Arbeitsgang. Gleichzeitig erzeugte es die definierte Rauhigkeit, die als mechanische Verankerung für die Beschichtung dient.
Massnahme 2: Chemische Nachbehandlung durch Beizen
Nach dem Strahlen wurde eine kurze Beizung in verdünnter Phosphorsäure (5 %, 3 Minuten) durchgeführt. Dieser Schritt hatte zwei Funktionen:
- Feinreinigung: Entfernung letzter Rückstände und Strahlmittelreste
- Eisenphosphatierung: Bildung einer dünnen Konversionsschicht (0,3–1 µm), die als Haftvermittler dient und den Korrosionsschutz verbessert
Massnahme 3: Umstellung auf Pulverbeschichtung
Anstelle des bisherigen 2K-Nasslacksystems wählten wir eine einschichtige Pulverbeschichtung mit einem Polyester-Pulverlack:
- Schichtdicke: 80–100 µm (gleichmässig, auch an Kanten)
- Einbrennen: 20 Minuten bei 180 °C (vollständige Vernetzung garantiert)
- Kantendeckung: Hervorragend – das elektrostatisch aufgeladene Pulver umschliesst auch Kanten und Ecken
Der Polyester-Pulverlack bietet exzellente UV-Beständigkeit und Witterungsresistenz – ideal für den Ausseneinsatz der KS-400-Gehäuse.
Phase 3: Validierung
Vor der Serienumstellung führten wir eine umfassende Validierung mit 50 Testbauteilen durch:
| Prüfung | Altes System (Nasslack) | Neues System (Strahlen + Beizen + Pulver) |
|---|---|---|
| Schichtdicke (Variation) | 35–85 µm (± 25 µm) | 82–98 µm (± 8 µm) |
| Gitterschnitt | GT 3–4 | GT 0 |
| Salzsprühnebeltest | 120 h | > 1.500 h |
| Dornbiegeversuch | Abplatzungen ab 4 mm | Keine Abplatzungen bis 2 mm |
| Schlagprüfung (ASTM D2794) | Rissbildung ab 40 cm·kg | Keine Risse bis 80 cm·kg |
Die Verbesserung war dramatisch: Der Salzsprühnebelwert stieg um den Faktor 12,5 – von 120 auf über 1.500 Stunden. Die Haftung verbesserte sich von mangelhaft (GT 3–4) auf perfekt (GT 0).
Phase 4: Serienumstellung und Ergebnisse
Die Serienumstellung erfolgte innerhalb von 6 Wochen. Hier die Ergebnisse nach 12 Monaten:
Qualitätskennzahlen
- Reklamationsrate: Von 12 % auf 0,5 % gesunken
- Feldausfälle durch Korrosion: Null im ersten Jahr
- Kundenzufriedenheit: NPS (Net Promoter Score) stieg um 15 Punkte
Kostenanalyse
| Position | Altes System | Neues System | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Beschichtungskosten/Stk. | 18,50 € | 19,95 € | +8 % |
| Reklamationskosten/Jahr | 45.000 € | 3.800 € | -92 % |
| Nacharbeitskosten/Jahr | 22.000 € | 1.200 € | -95 % |
| Lösemittelkosten/Jahr | 8.500 € | 0 € | -100 % |
| Gesamtkosten/Jahr | Referenz | -35 % |
Die Stückkosten stiegen zwar um 1,45 € pro Gehäuse. Aber die massiv reduzierten Reklamations- und Nacharbeitskosten sowie der Wegfall der Lösemittelkosten führten zu einer Gesamteinsparung von 35 % im ersten Jahr.
Erkenntnisse
1. Die Vorbehandlung ist der Hebel
Das alte System scheiterte nicht am Lack, sondern an der fehlenden Vorbehandlung. Die Walzhaut war das Problem – und eine einfache Lösemittelreinigung konnte sie nicht entfernen. Erst die mechanische Vorbehandlung durch Strahlen schuf die Grundlage für eine dauerhafte Beschichtung.
2. Nasslack ist nicht automatisch schlechter als Pulverlack
In vielen Anwendungen funktioniert Nasslack hervorragend. Im konkreten Fall war aber die Kombination aus Kantenfluchtproblem, mangelnder Vorbehandlung und temperaturabhängiger Trocknung das Problem. Das Pulverbeschichten löste alle drei Probleme gleichzeitig.
3. Stückkosten allein sind kein gutes Entscheidungskriterium
TechProGo hatte den günstigeren Nasslack-Prozess gewählt, um Kosten zu sparen. Die tatsächlichen Kosten – inklusive Reklamationen, Nacharbeit, Imageverlust und Kundenverlust – waren deutlich höher als die Mehrkosten einer umfassenderen und hochwertig Oberflächenbehandlung.
4. Systematische Analyse vor Schnellschüssen
Der erste Impuls von TechProGo war, einfach eine dickere Lackschicht aufzutragen. Das hätte das Problem nicht gelöst, sondern nur kaschiert. Die Laboranalyse – insbesondere der Querschliff – identifizierte die tatsächliche Ursache und ermöglichte eine gezielte Lösung.
Übertragbarkeit auf Ihre Projekte
Die Erkenntnisse aus dieser Case Study lassen sich auf viele ähnliche Situationen übertragen:
- Schweissbaugruppen aus Baustahl profitieren fast immer von Strahlen + Pulverbeschichten
- Laserteile und Biegeteile haben oft Zunder an thermisch beeinflussten Zonen – Beizen oder Strahlen ist hier Pflicht
- Gehäuse und Verkleidungen im Ausseneinsatz sollten mindestens 500 Stunden Salzsprühnebelbeständigkeit erreichen – besser 1.000+
- Kostenvergleiche sollten immer Total Cost of Ownership berücksichtigen, nicht nur die Stückkosten der Beschichtung
Fazit
Diese Case Study illustriert ein Muster, das wir in unserer täglichen Arbeit in der Oberflächentechnik immer wieder sehen: Das offensichtliche Problem (Korrosion) hat eine weniger offensichtliche Ursache (Walzhaut unter der Beschichtung), und die beste Lösung liegt nicht in „mehr vom Gleichen“ (dickere Schicht), sondern in einem systematisch abgestimmten Prozess.
Die Kombination aus Strahlen, Beizen und Pulverbeschichten ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer sorgfältigen Analyse. Jeder Schritt hat eine definierte Funktion, und keiner ist verzichtbar.
Haben Sie ein ähnliches Problem mit Ihren Bauteilen? Unser Team in Brunnthal bei München analysiert Ihre Situation, identifiziert die Ursache und entwickelt eine massgeschneiderte Lösung. Denn manchmal liegt die Antwort auf ein Korrosionsproblem nicht in einer neuen Beschichtung – sondern in dem, was davor passiert.